Eine Seite zum Thema

Homosexualität und Kirche

 

 

 

Statements:

"Seit meiner Pubertät frage ich mich, ob ich schwul bin. In der Schule und auch in unserer Gemeinde wurden Homosexuelle meist als Abartige, Perverse oder einfach als Fehlentwicklung der Schöpfung dargestellt. Und dann wurde mir klar - "Ich bin so einer".
Ralf (31)


"Ich wagte es nicht, auch nur einer Menschenseele meine Homosexualität anzuvertrauen. Ich wurde depressiv und zog mich aus meinem Freundeskreis zurück."
Angelika (19)

"Am Anfang war es für mich keine Frage, daß Gott mich mit meiner Homosexualität liebte. Doch dann kamen Zweifel: Durch Menschen und Bücher erfuhr ich, daß meine Liebe Sünde sei, daß es besser sei, auf meine wohl verkehrte Sexualität zu verzichboys_04.jpgten."
Sonja (27)

"Kannst Du dir eigentlich vorstellen, wie mühsam und entwürdigend es ist, sich dauernd verstellen zu müssen, ständig zu wissen, daß ich nur akzeptiert bin, wenn ich mir nur ja nicht anmerken lasse, wer ich wirklich bin!"
Gregor (23)

"Ich werde diesen Tag nie vergessen, an dem unser Sohn Johannes uns sagte, er sei homosexuell. Es war wie ein Erdbeben, und wir fühlten uns, als fielen wir in ein tiefes, dunkles Loch."
Margarete und Werner

"Ich war in meiner Pfarrei und darüber hinaus sehr engagiert dabei: Pfarrjugendleiter und so. Als ich merkte, daß ich schwul bin, wollte ich zuerst davonlaufen. Weil Kirche ja gegen mich war. Die Frage "hab ich hier noch weiter einen Platz" hat mich ziemlich fertiggemacht. Doch dann hab ich mich entschieden, dazubleiben und ich hab mit Leuten geredet, die mir gezeigt haben: Ja, ich darf als Christ - sogar als Katholik - auch schwul sein. Darum bin ich heut noch da..."
Matthias (25)

 

Warum diese Seite?


Hallo!

Zuerst einmal möchte ich mich vorstellen:
Mein Name ist Thomas Kammerer. Ich bin katholischer Pfarrer im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Sechs Jahre lang war ich früher hauptamtlich in der Jugendarbeit tätig.

Das bin ich (2001)

Aus dieser Zeit stammt auch die Idee zu dieser Seite.
Ich machte die Erfahrung, dass gerade Menschen, denen der Glaube wichtig ist, sich schwer tun, ihre Gefühle anzunehmen, wenn sie sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen und merken, dass sie schwul oder lesbisch sind.

Die leider oft plakativ wirkenden Aussagen der Kirche(n) gehen an diesen Menschen nicht nur vorbei, sondern verletzen oft zutiefst.
Daher distanzieren sich die Einen total von Kirche und die die Anderen leiden an diesem Konflikt: Bin ich noch von Gott geliebt, wenn ich diese Gefühle habe für die ich ja einfach nichts kann? Darf ich mich weiterhin in der Kirche engagieren? Muß ich meine Identität verbiegen oder verheimlichen, um dabei zu sein?

Dabei haben gerade viele homosexuelle Männer und Frauen einen tiefen Glauben. Vielleicht weil ihr "Anderssein" sie mehr als viele Heterosexuelle vor die Frage nach dem Sinn und Wert des eigenen Lebens stellt.

Ich kenne viele schwule und lesbische Christen, darunter auch so manchen Pfarrer und so manchen Mitarbeiter, Mitarbeiterin in der Seelsorge.
Und ich weiß, was es heißt, einen zentralen Teil der eigenen Persönlichkeit nicht offen entfalten zu können, sondern - oft mühsam und ängstlich - verstecken zu müssen. Dabei ist gerade die Liebesfähigkeit im Glauben an Jesus Christus das entscheidende Merkmal und Charsima des Christen, der Christin. Ist sie doch die Analogie der so übergroßen Liebe Gottes zu uns Menschen, ohne die die Welt und wir selbst nicht wären.

Es geht nicht um Sex und Sexualpraktiken, sondern um diese Liebesfähigkeit, die ich bei Schwulen und Lesben genauso groß und genauso zerbrechlich erlebe wie bei heterosexuellen Menschen und Christen. Es geht nicht so sehr um das Unterscheidende, sondern um dieses Gemeinsame, das uns alle zu Schwestern und Brüdern macht. Dies dürfen wir in allen Diskussionen niemals vergessen!

Ich möchte nicht, dass schwule und lesbische Schwestern und Brüder an unserer Kirche und damit oft auch an Gott verzweifeln müssen.
Ich möchte nicht, dass sie sich in den Augen Gottes als unwert und ausgeschlossen erleben müssen, denn das widerspricht dem, was ich im Laufe meines eigenen Lebens und Lernens von diesem Gott erfahren habe.

Und ich träume von einer Kirche, die offen ist für Menschen aller Art; wo Menschen nicht beurteilt, sondern angenommen werden und einen Raum finden, in dem sie mit ihren ganz persönlichen Fragen, ihren Sehnsüchten und auch ihrer Schulderfahrung, ihrer Heils- und Unheilsgeschichte sein dürfen und Unterstützung erhalten, ihr Leben gut zu gestalten und zu entfalten mit eben dem "Material" das sie von ihrem Schöpfer bekommen haben und das von ihrer Geschichte geprägt wurde.

Nicht "wie soll ich sein", sondern "wie bin ich" - das ist der Prozeß menschlichen Lebens, den wir als Kirche begleiten und fördern sollen. Denn erst in der Annahme des eigenen So-und-Nicht-Anders-Seins kann ich Gott begegnen, spricht er zu mir (nicht zu einem Ideal) und erfahre ich ihn als Fundament für mein Leben in Fülle.

In der Suche nach dem richtigen Weg unterscheiden sich die Menschen in nichts voneinander. Wenn wir das verstehen lernen, öffnet sich der Raum einer solidarischen Gemeinschaft, in die jeder die je eigene Erfahrung einbringen kann zur Bereicherung des Ganzen und die gemeinsame Suche nach dem Sinn des Lebens bekommt eine größere Tiefe, in der die Begegnung mit Gott gerade an den Grenzen und Kanten des Einzelnen geschehen kann.

Ich möchte nicht behaupten, dass ich die Weiheit mit Löffeln gefressen habe. Ich möchte auf dieser Seite nur meine Überzeugungen aus meinem Leben und meinen Begegnungen mit Menschen darstellen. Es war die Selbsttötung eines schwulen Jugendlichen vor Jahren, die mich dazu veranlasst hat. Ich möchte ein Zeichen setzen gegen das innere Leid, das Diskriminierung gerade in der Kirche verursachen kann. Ich bin gerne bereit, darüber zu diskutieren, jedoch nicht jenseits des konkreten Lebens der Menschen, denn sonst wäre in meinen Augen Gott in Jesus umsonst ein konkreter Mensch geworden, um konkreten Menschen zu begegnen.
Letztlich ist immer dieses konkrete Leben zu betrachten, um zu sehen, ob es gut ist oder in die falsche Richtung läuft.

 

Wie entsteht Homosexualität ?

  • maenner.gifNicht durch Erziehung ...
  • Nicht durch Verführung ...
  • Nicht durch freie Entscheidung ...
  • Nicht durch einen körperlichen oder seelischen Defekt...

Man ist sich heute sicher, daß weder die Eltern noch die Homosexuellen selbst zu dieser Veranlagung schuldhaft beigetragen haben.
Außerdem ist unumstritten, daß Homosexualität keine Krankheit ist.

 

Was sagt die Kirche?

Lange Zeit wurden Homosexuelle gerade durch die Kirche diskriminiert. Dies scheint sich heute immer mehr zu verändern, auch wenn in vielen Dokumenten und Aussagen mancher Kirchenvertreter noch veraltete und manchmal von Angst motivierte Ansichten zu finden sind.
Ich möchte hier nicht alle Dokumente aufführen. In den neueren Aussagen Roms (besonders der Glaubenskongregation) wird betont, daß Homosexualität an sich nicht sündhaft ist. Auch wird jede Art von Diskriminierung scharf verurteilt. Jedoch wird immer noch unterschieden zwischen Homosexualität an sich und einer gelebten Homosexualität, die als "objektiv ungeordnet" bezeichnet wird.
Leider wird Sexualität in diesem Zusammenhang immer noch nicht vorrangig vom Zentrum des christlichen Menschenbildes her betrachtet, in dem die Fähigkeit zu echter Liebe die wichtigste Rolle einnimmt. Homosexuelle Menschen sind genau wie heterosexuelle Menschen zu einer tiefen Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen fähig. In einer solchen Beziehung kann man den sexuellen Ausdruck nicht einfach als "ungeordnet" bezeichnen.
Es wird jedoch noch einige Zeit dauern, bis homosexuelle Menschen auch eine umfassende kirchlich-strukturelle Anerkennung erhalten werden. Jedoch gibt es bereits viele positive Ansätze, in unserem Land wie in anderen Ländern.

Das Pastorale Forum der Erzdiözese München und Freising, eine Art Diözesansynode aus Bischof, Priestern und Laien, stellte z.B. fest:

"Homosexuelle dürfen in keiner Weise ausgegrenzt und zurückgesetzt werden. Verbände und Gemeinden sollten sich dafür einsetzen, daß ein differenziertes, positives Verständnis für homosexuell veranlagte Menschen zunehmend auch in der kirchlichen Öffentlichkeit Anerkennung findet. Die Bemühungen verschiedener Gruppen, diesen Menschen innerhalb der Kirche einen Lebensraum zu vermitteln, werden begrüßt."


Hier noch ein Nachdenk-Text zur redlichen Auslegung der Bibel zu Thema... Hier klicken!



Homosexualität ist auch keine Sünde!!!

NodevilDu brauchst also keine Angst zu haben.
Auch wenn Du schwul/lesbisch bist, hast Du einen Platz im Himmel!
Du bist von Gott geliebt, so wie Du bist!

Wesentlich für die Bewertung menschlichen Verhaltens ist immer der Maßstab, den Jesus verkündet hat: Liebe! oder wie der Hl. Augustinus formulierte: "Liebe und dann tu, was du willst!" Das ist kein Freibrief, sondern die feste Überzeugung, daß die Liebe als Maßstab ausreicht. Die Liebe in ihrer Dreiheit: Gottesliebe - Selbstliebe - Liebe zum anderen Menschen, zu allen Geschöpfen.
Wenn zwei Menschen sich lieben, das gegenseitige Wohlergehen im Mittelpunkt ihrer Beziehung steht, einander in Treue verbunden sind, aus der Kraft ihrer Beziehung ihre Mitwelt bereichern, dann ist das im Sinne Gottes. So habe ich das Evangelium verstanden.
Wem es nicht nur um die Befriedigung der eigenen Sexualität geht, sondern um diese Form der Beziehung, der lebt im Sinne Gottes und all sein Scheitern an den Idealen ist aufgehoben in der unendlich großen Liebe und der daraus hervorgehenden Vergebungsbereitschaft unseres Vaters im Himmel.

Alle negativen Aussagen der Bibel über homosexelle Handlungen beziehen sich nicht auf die Liebe und Partnerschaft. Die Bibelwissenschaftler sind sich heute einig, daß es dabei ausschließlich um die Kritik an bestimmten Praktiken (vor allem im Kultbereich) der sog. Heiden handelt, die nicht die Veranlagung zur gleichgeschlechtlichen Liebe meint. Leider werden diese Bibelstellen von Fundamentalisten immer wieder herangezogen, um Homosexuelle zu verteufeln. Dies ist jedoch kein redlicher Umgang mit der Heiligen Schrift. Es werden hier Stellen aus dem Zusammenhang gerissen und als göttliche Legitimation für Diskriminierung und Haß mißbraucht. Dies ist meines Erachtens eher Sünde!

Liebe und Du wirst das Gute tun!

Erfasse die Größe der Liebe, die sich selbst verschenkt, die nicht fordert, sondern gben will, die Dich Mauern überspringen läßt, geduldig ist und bereit zur Versöhnung, die ein weites Herz hat, nicht hin-richtet, sondern auf-richtet, nicht vernichtet, sondern heilt. Eben die Liebe!

Gott ist die Liebe!

Und es gibt keinen Menschen, den er von dieser Liebe ausschließt!

Das ist meine tiefste Überzeugung.
Und es ist die Kernbotschaft unseres christlichen Glaubens.

 

Was gibt's zum Lesen?

boys_05.jpgHier einige Bücher zum Thema:


  • Leroy Aarons: Prayers for Bobby: A Mother's Coming to Terms with the Suicide of Her Gay Son, Harper San Francisco, 1996, ISBN 0-06-251123-8 (Erstausgabe: Harpercollins, 1995, ISBN 0-06-251122-X )
  • Maria Hauser "lm Himmel kein Platz" Lebensgeschichten von homosexuell Liebenden ISBN 3 9009 4325 7 Pick It!
  • Andrea Micus "... und auf einmal weißt du, daß dein Kind anders ist" Bastei 60328
  • Hans Georg Wiedemann "Homosexuell" Das Buch für homosexuell Liebende, ihre Angehörigen und ihre Gegner ISBN 3 7831 1376 8 Pick It!
  • John J. McNeill, "Sie küßten sich und weinten..." Homosexuelle Frauen und Männer gehen ihren spirituellen Weg, ISBN 3-466-36386-1 Pick It!
  • Wunibald Müller, Homosexuelle Menschen, ISBN 3-7867-1346-4 Pick It! (Topos Taschenbuch 177)
  • Jens Weizer, "Vom andern Ufer", Schwule fordern Heimat in der Kirche, ISBN 3-491-72337-X Pick It!
  • Udo Rauchfleisch (Hg), Homosexuelle Männer in Kirche und Gesellschaft, ISBN 3-491-77935-9 Pick It!
  • Thomas Migge, "Kann denn Liebe Sünde sein?", Gespräche mit homosexuellen Geistlichen,
    ISBN 3-462-02301-2 Pick It!
  • Schellenbaum Peter, Homosexualität im Mann, eine tiefenpsychologische Studie, ISBN 3-466-30319-2 Pick It!
    (sehr zu empfehlen - auch für heterosexualle Männer!)

schließlich noch ein Roman, der die Schwierigkeiten des Coming out meines Erachtens sehr gut beschreibt:

  • Martin Hofmann, Innerlich fremd - ...wer will schon schwul sein... , ISBN 3-9803411-2-7 Pick It!

und zum Schluss noch ein Artikel von mir...

  • "Kein echter Mann!?" - Die männliche Angst vor der Homosexualität
    Artikel von Jugendpfarrer Thomas Kammerer (=ich) im Jugendmagazin XING
    der kjg München und Freising, Dezember 96

Prayers for Bobby

Ein einfühlsamer Film über Homosexualität und Religion sowie die "Konversion" einer Mutter

 

Hinweis:

Diese Seite ist eine Privatinitiative
und keine offizielle Seite der katholischen Kirche!
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