Eines Abend kam der Wunsch in seine Seele, ein Bildnis zu schaffen von der Lust, die einen Augenblick verweilet. Und er ging hinaus in die Welt, um nach Bronze zu suchen. Denn er konnte nur in Bronze denken.

Doch die Bronze der ganzen Welt war verschwunden, und nirgends auf der ganzen Welt war Bronze zu finden, ausgenommen die Bronze des Bildes vom Leid, das ewig währet.

Nun hatte er dieses Bildnis selber mit seinen eigenen Händen geschaffen und es über dem Grabmal des einzigen Wesens aufgerichtet, das er in seinem Leben geliebt hatte. Über dem Grabmal des toten Wesens, das er am meisten geliebt, hatte er dies Werk seiner Hände aufgerichtet, dass es ein Zeichen der Menschenliebe sei, die nicht stirbt, und ein Sinnbild des Menschenleides, das ewig währet. Und auf der ganzen Welt gab es keine Bronze, ausgenommen die Bronze dieses Bildnisses.

Und er nahm das Werk, das er geschaffen, und stellte es in einen großen Schmelzofen und überließ es dem Feuer.

Und aus der Bronze des Bildnisses vom Leid, das ewig währet, schuf er ein Bildnis von der Lust, die einen Augenblick verweilet.

Oscar Wilde: Der Künstler; in: Werke in zwei Bänden, München 1970

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