von Richard Rohr

Von allen Weltreligionen hat das Christentum die größten Vorurteile gegen das Leibliche. Diese Theologie ist verhängnisvoll. Wenn ich der Satan wäre und das Christentum vernichten wollte, würde ich Überstunden machen, um die Christen dazu zu bringen, das Fleisch zu hassen. Dabei ist unsere Religion die einzige, die jemals behauptet hat, daß Gott Fleisch geworden ist. Ist das nicht widersinnig? Die Menschwerdung bedeutet, daß Gott aus dem Geist in das Wort und in das Fleisch eingegangen ist. Jesus hat einen Körper angenommen. Er hatte Geschlechtsorgane. Er hat geschwitzt. Er hatte Blähungen. Unser Glaube, daß Gott in diese Welt eingetreten ist, bedeutet einen ungeheuer kühnen Sprung. Und dennoch: ich bin in der Welt herumgereist und habe die verschiedensten Religionen kennengelernt, aber niemand hat eine so negative Einstellung dem Leib gegenüber, wie wir. Unser Körper muß Schuld und Schande tragen, bloß weil er ein Körper ist. Aber vielleicht ist das gar nicht so seltsam: das Böse verstellt sich dadurch, daß es das Gute verdreht.

Im Glaubensbekenntnis verkünden wir kühn, daß wir an die Auferstehung des Fleisches glauben. Was immer Gott also wirkt, das wirkt er nicht nur im Geist. Wo er rettet und erlöst, da geht es um dieses zusammengesetzte Etwas, dieses einmalige "Ich". Dadurch befreit Gott auch den Körper: während wir herumgehen und immer älter werden, erlöst er unseren Körper. Eine Mutter erzählte mir, wie ihr Dreijähriger dem Pfarrer zusah, als er sagte: "der Leib des Herrn". Da fragte der Kleine: "Ist auch sein Hinterteil dabei?" So handgreiflich wird das, beinahe sexuell oder kannibalisch: wir nehmen den Leib des Herrn in uns auf. Wir haben eine fleischgewordene Religion. Und wir schämen und fürchten uns schrecklich.

Ich meine, wir fürchten uns, weil der Leib Macht und Wahrheit bedeutet. Der Körper lügt nicht. Wir sprechen ja auch von wortloser Kommunikation. Mit dem Mund können wir auf vielerlei Weise lügen, aber der Körper sagt die Wahrheit; in der wortlosen Wirklichkeit verrät er sich. Unser Körper trägt all das Leid all der Ablehnung, die wir erfahren haben, seit man uns damals in der Volksschule nicht ins Fußballteam aufgenommen hat.

Anscheinend verlieren wir Männer viel eher die Beziehung dazu als die Frauen. Durch Tatsachen wie Schwangerschaft und Menstruation wird eine Frau notwendigerweise an ihren Körper erinnert. Frauen haben mehr Verständnis für eine somatische körperliche Theologie. Sie können eher begreifen, daß sich die Wahrheit körperlich ausdrückt, weil sie erlebt haben, daß aus ihrem Leib ein neuer Leib entstanden ist. Es scheint, daß eine Frau durch dieses Wunder auf Dauer verwandelt wird. Die Frau erlebt, daß dieser Körper auch bereits Geist ist.

Wir Männer verstehen das nicht; wir haben keine Beziehung dazu. Der Vater kann seinen Samen spenden und sich dann verabschieden. Er erfährt nicht das organische Wachsen und das Wunder, das aus dem Körper kommt, unser Verständnis für den Körper gerät ins Hintertreffen. Weitere Hemmungen und Komplikationen rühren daher, daß wir Berührung sofort mit Sex gleichsetzen. In meiner Eheberatung habe ich Paare ermutigt, im körperlichen Kontakt Freude zu finden, ohne dabei an Orgasmus zu denken. Einfach einmal die Arme streicheln, sich an den Vertiefungen einer Hand erfreuen, und dabei wissen, daß solche Berührung den Partner beglückt. Jesus hat anscheinend darum gewußt. In seinem Dienst an den Menschen hat er sie immer wieder berührt. Niemals hat er sich sozusagen antiseptisch auf eine bloß verbale Verkündigung beschränkt, - stets gab es da auch etwa eine Handauflegung; er suchte die körperliche Beziehung zu den Menschen. Er erlaubte jener Frau, ihm die Füße zu waschen, er war völlig damit einverstanden, daß Johannes seinen Kopf an seine Brust lehnte. Heute könnten wir uns kaum vorstellen, daß in einer Gruppe von Männern einer seinen Kopf an die Brust des anderen lehnt. Ein deutliches Zeichen, von wieviel Unnatürlichkeit und Homophobie unsere Kultur geprägt ist. Für uns heißt Berührung Sex, sonst nichts. Wir können nicht Hände halten, nicht Verbindungen herstellen - es macht uns Angst.

In der katholischen Kirche wird Sakrament definiert als äußeres Zeichen innerer Gnade. Wir sollten ein Sakrament feiern, das ich das achte Sakrament, - das vergessene, nenne. Die Fußwaschung, die körperliche Berührung, die Mitteilung des Mysteriums durch Berührung. Wir glauben an die Auferstehung des Fleisches. Wir glauben, daß Gott unseren Körper liebt. Wir empfangen körperlich den Leib des Herrn; und wir leben als Tempel in dieser Welt. Im ersten christlichen Jahrtausend waren die Menschen das Kirchenvolk, der wahre Leib Christi, "corpus verum". Die Eucharistie war der mystische Leib, "corpus mysticum". Durch das Brot wurde der wahre Leib daran erinnert, daß er der wahre Leib ist. Im zweiten Jahrtausend wurde dieses Verständnis fast völlig ins Gegenteil verkehrt. Nun waren wir der "mystische Leib", die Eucharistie wurde "corpus verum". Ich meine, daß das erste Jahrtausend dem Mysterium der Menschwerdung näher stand. Tatsächlich macht uns, nach so vielen Jahrhunderten, die "Schande" unserer Menschwerdung noch immer zu schaffen.

(Richard Rohr, Quest for the Grail, Crossroad Publishing Co., zit. in: Kirche Intern 12/94, Seite 38)

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