Steh froh auf zu deinem Werktage, wenn du es kannst. Und kannst du es nicht, was hindert dich daran? Ist da etwas Schweres im Wege? Was hast du gegen das Schwere? Dass es dich töten kann? Es ist also mächtig und stark. Das weißt du von ihm. Und was weißt du vom leichten? Nichts. An das Leichte haben wir gar keine Erinnerung. Selbst wenn du also wählen dürftest, müsstest du nicht eigentlich das Schwere wählen? Fühlst du nicht, wie verwandt es mit dir ist? Ist es nicht das eigentlich Heimatliche? Und bist du nicht im Einklang mit der Natur, wenn du es wählst? Meinst du, dem Keim wäre es nicht leichter in der Erde zu bleiben? Oder haben es die Zugvögel nicht schwer, und die wilden Tiere, die für sich sorgen müssen?

Sieh: es gibt gar nicht ein Leichtes und ein Schweres. Das Leben selbst ist das Schwere. Und leben willst du doch? Du irrst also, wenn du das Pflicht nennst, dass du das Schwere auf dich nimmst. Es ist der Selbsterhaltungstrieb, was dich dazu drängt. Was aber ist denn Pflicht? Pflicht ist das Schwere zu lieben. Dass du es trägst, will wenig sagen, du musst es wiegen und einsingen und du musst da sein, wenn es dich braucht. Und es kann dich jeden Augenblick brauchen.

So groß muss deine Hilfsbereitschaft und deine Güte sein, dass du es verwöhnst, dein Schweres, dass es nicht sein kann ohne dich, dass es von dir abhängig wird wie ein Kind. Hast du es erst so weit gebracht, so wirst du nicht wollen, dass jemand komme und es dir abnähme.

Und du bringst es so weit durch die Liebe. Lieben ist schwer. Und wenn einer dich lieben heißt, so gibt er dir eine große Aufgabe; aber keine unmögliche. Denn er heißt dich nicht einen Menschen lieben, was nichts für Anfänger ist, und er verlangt nicht von dir, dass du Gott lieben sollst, was nur die Reifsten können. Er weist dich nur auf dein Schweres hin, welches dein Dürftigstes ist und dein Fruchtbarstes zugleich. Das Leichte, siehst du, will nichts von dir; aber das Schwere wartet auf dich, und du hast keine Kraft, die da nicht nötig wäre, und, auch wenn dein Leben sehr lang ist, bleibt dir kein Tag für das Leichte übrig, das deiner spottet.

Geh hinein in dich und baue an deinem Schweren. Dein Schweres soll sein wie ein Haus in dir, wenn du selbst wie ein Land bist, das sich mit den Gezeiten verändert. Gedenke, dass du kein Stern bist: du hast keine Bahn.

Du musst für dich selbst eine Welt sein und dein Schweres muss in deiner Mitte sein und dich anziehen. Und eines Tages wird es wirken über dich hinaus mit seiner Schwerkraft auf ein Schicksal, auf einen Menschen, auf Gott. Dann kommt Gott in dein Schweres wenn es fertig ist. Und welche Stelle wüsstest du sonst, um mit ihm zusammen zu kommen?

Rainer Maria Rilke

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